Beethoven in Japan
- Die Erstaufführung der "Neunten" in Japan

von Mattias Hirschfeld*

Im 1914 ausgebrochenen Ersten Weltkrieg erklärte Japan als Bündnispartner Englands Deutschland noch im August den Krieg und entsandte rund dreißigtausend Soldaten in Richtung Tsingtao-Halbinsel im heutigen China, zu jener Zeit deutsche Kolonie und Truppenstandort. Die Deutschen befehligten allerdings nur ca. Fünftausend Mann, so dass die Festung nach einigen Wochen fiel.

Die zu Kriegsgefangenen gewordenen deutschen Soldaten wurden nach Japan verschickt und auf zwölf Lager im ganzen Land verteilt. Drei provisorische Lager auf der Insel Shikoku wurden 1917 aufgelöst und deren knapp tausend deutsche Insassen in das Lager Bandô (heute Stadt Naruto) gebracht. Im Gegensatz zu anderen Internierungslagern damals in Japan, aber auch heute noch in manchen Teilen der Welt, wurden die Deutschen unter Lagerleiter Matsue äußerst menschlich behandelt. Er war der Ansicht, man solle auch mit besiegten Gegnern gut umgehen, und so genoss das Kriegsgefangenenlager Bandô bald den Ruf eines "Musterlagers". Die deutschen Soldaten vergalten diese warme Aufnahme durch vielfältige Aktivitäten, bei denen auch die örtliche Bevölkerung einbezogen wurde. Neben Sport waren auch Musik und Theater ein beliebter Zeitvertreib der Kriegsgefangenen, die insgesamt fast drei Jahre in Bandô verbrachten. Unter den vielen Konzerten, die die Amateurmusiker gaben, war eines besonders aufwändig: Mit zum Teil selbstgebauten Instrumenten und für Männerstimmen umgeschriebenem Gesangsteil erklang am 1. Juni 1918 die "Neunte Sinfonie" von Ludwig van Beethoven.

Was den Deutschen damals wahrscheinlich nicht bewusst war, ist heute Stand der musikhistorischen Forschung: Dieses Konzert war die erste Aufführung von Beethovens "Neunter" nicht nur in Japan, sondern in ganz Asien. Noch heute pflegt die Stadt Naruto dieses kulturelle Erbe, indem sie ein imposantes "Deutsches Haus" unterhält, wo eine Ausstellung über die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers und der Aufführung der "Neunten" informiert und regelmäßig deutschlandbezogene Veranstaltungen stattfinden. Zudem ist der erste Junisonntag jeden Jahres zum "Tag der Neunten" erklärt worden, an dem die "Ode an die Freude" erklingt - im Gegensatz zur sonst in Japan üblichen Aufführung am Jahresende. Momentan wird in Japan ein Film produziert, der die Geschichte dieses besonderen Lagers und der Erstaufführung zum Inhalt hat. Er soll im Sommer 2006 zugleich in Japan und in Deutschland in die Kinos kommen und wird diese interessante historische Episode einem breiten Publikum näherbringen.

*Mattias Hirschfeld: Beethoven in Japan. Zur Einführung und Verbreitung westlicher Musik in der japanischen Gesellschaft. Hamburg 2005, Bockel Verlag, 136 Seiten, ISBN: 3-932696-61-1; 35,- EUR.

 
         
         
   
  Deutsches Haus in Naruto
Foto: Mattias Hirschfeld
  Beethoven-Skulptur vor dem „Deutschen Haus“ in Naruto, geschaffen vom deutschen Bildhauer Peter Kuschel
Foto: Mattias Hirschfeld

 
         
     
  Vom Programm für die Erstaufführung am 1. Juni 1918 Copyright: Deutsches Haus Naruto  

Hermann Hansen aus Flensburg
Hansen hat mit drei Orchestern und zwei Chören in Bandô zahlreiche Konzerte einstudiert und dirigiert, darunter auch die 9. Symphonie von Beethoven.
Copyright: Deutsches Haus Naruto

 
         
     
Inschrift auf der Beethoven-Skulptur
Foto: Mattias Hirschfeld
 
  Beethoven-Skulptur vor dem „Deutschen Haus“ in Naruto, geschaffen vom deutschen Bildhauer Peter Kuschel
Foto: Mattias Hirschfeld
  Foto: Mattias Hirschfeld  
         
 
   
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